QUELLE: Testbericht Ökotest
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ÖKO-TEST Oktober 95
Test: Ätherische Öle
Erschien am: 01.10.1995

Gepanschte Seelen

In der Branche ist es kein Geheimnis, daß ätherische Bergamotte-Öle gepanscht werden. Die meisten Anbieter sind auf Prüfmethoden angewiesen, über die Fälscher nur noch müde grinsen. Auf die Reinheits-Versprechen der Lieferanten und Importeure aber ist nicht immer Verlaß.


Martin Henglein macht sich keine Illusionen. "Ein großer Teil der ätherischen Öle, die es bei Großhändlern zu kaufen gibt, sind verfälscht", sagt er. Henglein kennt sich aus: Er ist der Präsident des schweizerisch-deutschen Verbands Veroma. In dieser "Vereinigung für Aromatologie und Aromatherapie" sind Hersteller, Händler und Anwender ätherischer Öle zusammengeschlossen, die Qualitätsstandards festschreiben wollen. Das heißt unter anderem: keine Verfälschungen.
Ein hohes Ziel, denn ätherische Öle sind eine kostbare Angelegenheit, und der Markt wächst. Um sie zu gewinnen, werden ganze Berge von Wurzeln, Rinden, Blüten oder Schalen vorsichtig ausgepreßt oder mit Wasserdampf destilliert. Heraus kommt ein flüchtiges und vor allem duftendes Gemisch aus mehreren hundert Substanzen. Seine Qualität hängt davon ab, wo die Pflanzen gewachsen sind, zu welcher Unterart sie gehören und wann man sie geerntet hat.
Hundert Prozent unnatürlich
Ätherische Öle sind "die Seelen der Pflanzen", schreibt etwa die Firma Neumond in einer Broschüre. Sie werden in sehr kleinen Mengen gehandelt, meistens in Fläschchen zu zehn Millilitern, und teuer verkauft. Doch viele der abgefüllten Seelen sind ihr Geld nicht wert, wie unser Test zeigt. 53 ätherische Öle der Bergamotte, das ist eine Zitrusfrucht, haben wir auf beigemischte Duftkomponenten untersucht. 37 davon entpuppten sich als verfälscht, die Duftstoffe im Öl der Firma Uranus, angepriesen als "100 % naturreines ätherisches Öl", waren sogar zu hundert Prozent unnatürlich, vermutlich synthetisch.
Unsere Analysemethode ist neu. So neu, daß sich die Labors, die damit arbeiten, an einer Hand abzählen lassen. Fast alle Händler setzen daher noch auf die herkömmlichen Methoden: Sie bestimmen zum Beispiel die Dichte, schauen, wie das Öl das Licht bricht und wie es polarisiertes Licht dreht. Standard ist außerdem ein Gaschromatogramm, das das Öl nach Inhaltsstoffen aufschlüsselt.
"Ein Chromatogramm ist immer gemacht worden", beteuert beispielsweise Rose Eggert von Amyris. Es hat nichts genutzt: Ihr wurde verfälschtes Öl geliefert. Die Fälscher haben gelernt, solche Methoden zu überlisten, so daß ein chemisches Öl dieselben Ergebnisse bringt wie ein naturreines.
Panscher und Kontrolleure spielen seit jeher Katz und Maus. Mit der neuen Methode, der chiralen Gaschromatographie, scheinen die Kontrolleure zur Zeit die Nase vorn zu haben. Ihnen ist etwas aufgefallen, was sich ihrer Meinung nach nicht fälschen läßt, vorerst jedenfalls nicht. Das hat mit dem Aufbau der Duftstoff-Moleküle zu tun.
Panscher und Kontrolleure spielen Katz und Maus
Diese Moleküle gibt es nämlich in zwei Versionen: R und S. Sie sind zwar haargenau gleich aufgebaut - nur ist das eine ein Spiegelbild des anderen. R- und S-Moleküle sind chiral, das heißt "wie zwei Handschuhe eines Paars", erklärt Professor Armin Mosandl, Lebensmittelchemiker an der Universität in Frankfurt am Main. Dieser kleine Unterschied macht ganz schön was aus: Die R-Version ein und desselben Duftstoffs kann völlig anders riechen als die S-Version, zum Beispiel nach Schweißfuß statt nach Frucht.
Mosandls Arbeitsgruppe hat außerdem festgestellt, daß in wirklich reinen und natürlichen ätherischen Ölen die beiden Versionen in einem ganz bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Bei der Bergamotte ist das einfach: Ihre Duftstoffe Linalool und Linalylacetat bestehen nur aus den R-Versionen. Chemisch hergestellte Verwandte dagegen enthalten zu gleichen Teilen R- und S-Komponenten. Auch Linalool aus Rosenholzöl sieht so aus. Doch das Verschneiden von Bergamott- mit Rosenholzöl hat keinen Sinn: Es ist zu teuer.
Auf jeden Fall ist "das Auftreten von S-Linalool und S-Linalylacetat ein eindeutiges Indiz für eine Verfälschung", so Professor Wilfried König vom Institut für organische Chemie an der Universität Hamburg. Mit Hilfe der chiralen Gaschromatographie hat König für uns nach diesen S-Versionen gesucht und ist reichlich fündig geworden.
Das Strecken teuren Öls mit fremden, billigen Duftstoffen ist Betrug, wenn es nicht deklariert wird. Für den Verband der Riechstoff- und Essenzen-Industrie jedenfalls muß ein "ätherisches Öl" aus der Pflanze gewonnen und unverfälscht sein. Doch die Panscherei ist nicht nur ägerlich, vor allem, wenn künstliche Stoffe ins Spiel kommen: "Bei der Synthese von Duftstoffen entstehen unter Umständen giftige Nebenprodukte, da gibt es noch keine genauen Untersuchungen", sagt Professor Karl-Heinz Kubeczka vom Institut für Pharmazie der Universität Hamburg.
Außerdem fordern Aromatherapeuten zum Heilen und Behandeln absolut naturreine Öle. Denn "das ätherische Öl hat nicht nur eine Masse, sondern hat auch Energie und trägt eine Botschaft in sich", sagt zum Beispiel der französische Produzent Michel Sommerard. Verfälschtes, gar mit chemischen Duftstoffen verschnittenes Öl taugt daher nicht für die Aromatherapie.
Auf das frische, belebende Bergamottöl wollen viele Anbieter nicht verzichten. Unsere Ergebnisse weckten bei vielen Skepsis. Ute Leube von der Firma Primavera Life fand es zunächst "ziemlich spitzfindig", daß ÖKO-TEST sich auf das chirale Verfahren stützt, denn gängig sei die einfache Gaschromatographie. Ihr Nachtest bestätigte dann aber unser Ergebnis.
Die Großhandlung Kurt Kitzing, die die Firmen Art Natura und La Florina beliefert hat, wehrt sich gegen beide Ergebnisse. Ihr Vorlieferant sei "äußerst seriös". Die relativ geringe Verfälschung im Art-Natura-Öl rechnet Kitzing weiter herunter, indem er nicht erfaßbare Inhaltsstoffe und Schwankungen der Methode abzieht. Was an Verfälschung übrigbleibt, sei "vom ökonomischen Aufwand her widersinnig".
"Verfälschung bleibt Verfälschung", hält Professor König dagegen. Außerdem würden häufig aus Produktionsresten nochmals Öle gewonnen und zum reinen Öl geschüttet. "Auf diese Weise kann man billige Öle loswerden." Außerdem seien auch kleine Streckungen auf Dauer von Gewinn.
Beim Öl von La Florina liegen die Dinge etwas komplizierter. Das Öl wurde nämlich zusätzlich destilliert. Unter extremen Bedingungen können dabei S-Versionen der Duftkomponente Linalool entstehen. Deswegen könne man bei geringen Werten nicht auf eine Verfälschung schließen, argumentiert Kitzing. König glaubt, das doch zu können: "Schließlich haben wir auch S-Versionen von Linalylacetat gefunden, und das hat sich auch bei langer Destillation nicht natürlich gebildet."
Erich Schmidt, Geschäftsführer bei Kitzing, bleibt dabei, daß S-Varianten in geringen Mengen von selbst entstehen können: "Keiner weiß, was beim Lagern und Transportieren in der Hitze Süditaliens im Öl passiert". La Florina legte zudem ein Gegengutachten vor, demzufolge ihr Öl 100 Prozent naturrein ist. Wir ließen unsere Probe daraufhin von König zweimal neu testen. Das Ergebnis blieb dasselbe.
Die Firma Joh. Vögele hat mindestens zehn der Anbieter im Test beliefert. Sie muß nun deren Fragen beantworten - und gab sich uneinsichtig. Der Großhändler behauptete, unsere Ergebnisse zeigten für denselben Artikel verschiedene Ergebnisse. Daher reiche Königs Methode nicht, es müßten andere, aufwendige Untersuchungen her: "Weitergehende, wenn auch nicht absolute Sicherheit wird nur durch die zusätzliche Bestimmung der Isotopenratio erreicht." Erst mit Hilfe einer Kernresonanz-Spektroskopie sei eine 100prozentige Identifizierung von Stoffen möglich, schrieb Vögele und gab solche Untersuchungen in Auftrag.
König blieb gelassen. Dieser Aufwand sei nur nötig, um festzustellen, wie gepanscht wurde. Zur Feststellung, daß verfälscht wurde, reiche aber seine Prüfung, sagt König: "Ich halte unsere Ergebnisse für unanfechtbar." Er hat recht. Vögele mußte zugeben, daß keines seiner getesteten Öle naturrein ist. Sein Gegentest habe ergeben, sagte er, daß die Duftkomponente Linalylacetat zu 28 Prozent synthetisch verfälscht ist. Auch für Linalool liege eine Verfälschung nahe, sie sei aber nicht genau bestimmt worden. Einige ÖKO-TEST-Ergebnisse scheinen ihm trotzdem zu hoch: "Die Chargen schwanken, aber nicht in dem Maß."
Dabei hatte auch die Firma Vögele auf ihren vertrauenswürdigen Vorlieferanten gebaut: "Mit dem stehen wir seit Jahrzehnten in Kontakt", sagt Abteilungsleiter Dr. Klaus Langer. "Es gab noch nie Probleme."
Aus der Schweiz kamen weitere Zweifel an unserer Methode. Die Laboratoires Kart, die eine ganze Reihe deutscher Anbieter beliefern, halten die chirale Gaschromatographie für umstritten: Noch werde daran geforscht. Sie weisen ebenfalls darauf hin, daß sie ihre Öle nicht selbst herstellen, und "untersagen die Herausgabe eines Textes irgendwelcher Art durch ÖKO-TEST". Das Gegengutachten, das sie ankündigten, lag uns bis Redaktionsschluß aber nicht vor.
Die Großhandlung Frey + Lau dagegen hält die chirale Methode für inzwischen "wissenschaftlich abgesichert" und benutzt sie selbst. Zum Beweis für ihren Fortschritt legen Frey + Lau ein Telex bei, das sie im August 1994 an einen italienischen Lieferanten schickten, dem sie Verfälschungen nachweisen konnten. Sie hätten den Lieferanten daraufhin gewechselt, schreiben sie. "Derartig verfälschte Bergamottöle werden von vornherein zurückgewiesen und kommen nicht mehr durch uns in den Handel."
Aus der verfälschten Charge aus Italien aber füllte die Großhandlung weiter Öl ab. "Bis wir neue Ware zur Verfügung haben, das dauert", rechtfertigt man sich. "Was bis dahin an Bestellungen kam, wurde mit alter Ware beliefert." Unter anderem gingen im September 1994 Lieferungen an die Firma Pura Natura und an das Duftmagazin von Hanspeter Wanner. Dort ist man nun sauer: "Wir haben das Öl als natürlich gekauft", schimpft Martina Schuh von Pura Natura. Frey + Lau akzeptieren unser Ergebnis trotz allem nicht: Unsere Werte scheinen ihnen zu hoch.
Auch die Firmen Avalun und Berland-Pharma mußten die Erfahrung machen, daß auf den Lieferanten kein Verlaß ist. Ihre eigenen Untersuchungen hatten ihnen schon vor unserem Test gezeigt, daß ihre Öle verfälscht sind - trotz eines Zertifikats des Lieferanten, "wo die natürliche Qualität des Produktes zugesichert wird", schreibt Manfred Klein, dem beide Firmen gehören. Inzwischen läßt Klein chiral analysieren.
Die Firma Lavera hatte ebenfalls Pech mit ihrem Lieferanten. Das von uns untersuchte Bergamottöl hatte Firmenchef Thomas Haase im Herbst 1993 bei der Großhandlung C. Melchers Essential Oils gekauft. "Wie üblich wurde ein Zertifikat verlangt; hier hat man offenbar im Hause Melchers nicht die abgesandte Ware geprüft, sondern uns ein allgemeines Zertifikat zum Bergamottöl Reggio geschickt", schreibt Haase. Statt der gewünschten 100 Prozent reinen Ware bekam er eine "Handelsqualität" geliefert.
Die Geschäftsführung von Melchers, gibt das sofort zu: "Damals ist eine Panne passiert", heißt es. "Bei einer größeren Bestellung wurde eine Artikelnummer falsch eingetippt." Deshalb sei auch ein falsches Zertifikat verschickt worden. Das habe man jetzt anhand der Akten rekonstruiert. Seither, versichert der Geschäftsführer, habe reine Ware bekommen, wer reine Ware wollte, das sei durch Zertifikate belegt.
Hinter dem Wort "Handelsqualität" verbergen sich veränderte Öle. "Ätherische Öle werden ständig für die Bedürfnisse der Industrie zurechtgeschnitten", sagt Veroma-Präsident Martin Henglein. "Dort braucht man Öle für Spülmittel und Kosmetika, und die müssen bestimmte Standards erfüllen." Deshalb würden Inhaltsstoffe nach Bedarf hinzugefügt oder herausgelöst. "Nicht jeder Kunde wünscht naturbelassenes Öl, schon aus preislichen Gründen", heißt es aus einer Großhandlung. "Wenn Handelsqualität erwähnt wird, erwartet kein Fachkunde eine reine Qualität."
Auch Öle für die Medizin müssen Standards erfüllen und werden deshalb verändert. Im Deutschen Arzneibuch (DAB) steht zwar verbindlich, daß ätherische Öle, die als Medikament verkauft werden, natürlichen Ursprungs sein müssen. "Man nimmt aber an, daß sie dennoch bis zu 30 Prozent verfälscht sind", hält Henglein dagegen. "Häufig entsprechen neben echten auch verfälschte und künstliche Öle den in den Arzneibüchern gestellten Anforderungen", schrieb schon 1993 der Apotheker Dr. Reinhold Carle, heute beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
"Der Endverbraucher hat ein gewaltiges Problem", sinniert Bernd Heim vom Anbieter Regra. "Er kann nicht entscheiden, ob ein Öl gut ist oder schlecht, und greift zum billigeren. Naturreine Öle sind aber nicht zu Schleuderpreisen zu bekommen." Ätherische Öle machen nur 0,1 bis vier Prozent einer Pflanze aus, bei Melisse sogar nur 0,03 Prozent.

Autor: Stefan Becker

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